Kniescheibenverrenkung - Kniescheibenluxation - Patellaluxation - MPFL-Rekonstruktion

Bei der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation springt die Kniescheibe aus der vorgesehen Gleitbahn nach außen heraus. Dabei kommt es zu häufig zu Verletzungen von Bändern, Knorpel und Knochen. Meist springt die verrenkte / luxierte  Kniescheibe von selbst wieder in ihre Gleitbahn, wenn das Knie gestreckt wird. Nach einer Kniescheibenluxation schwillt das Kniegelenk meist stark an und ist schmerzhaft. Eine ärztliche Untersuchung ist dringend angeraten, um den entstandenen Gelenkschaden genau fest zu stellen und eine optimale Behandlung einzuleiten.

 

 

 

 

Ursachen der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation

 

 Ursächlich für eine Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation kann ein Unfall sein.

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Häufig aber besteht beim Betroffenen eine Veranlagung zur Kniescheibenverrenkung (Patellaluxation), d.h. eine ungünstige Kombination von  Komponenten, die ein Verrenken d.h. eine Luxation fördern.

 

Zu den Risikofaktoren einer Kniescheibenluxation zählen:

  • X-Bein
  • fehlerhaft angelegte Kniescheibe ( = Patelladysplasie)
  • fehlerhaft angelegte Gleitrinne der Kniescheibe am Oberschenkelknochen ( = Trochleadysplasie)
  • lockerer Bandapparat ( = vermehrte Bandlaxizität; Hypermobilität der Patella)
  • hochstehende Kniescheibe ( = Patella alta)
  • Ungleichgewicht der äußeren und inneren vorderen Oberschenkelmuskulatur ( = muskuläre Dysbalance)

Je mehr Risikofaktoren zusammenkommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation.

 

 

Was passiert bei der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation?

 Bei der ersten Kniescheibenluxation die durch ein Unfallereignis entsteht

(= traumatische Patellaluxation), zerreißt der innere Band- und Halteapparat der Kniescheibe (= mediales Retinaculum, mediales patello-ferorales Ligament, MPFL).

 

Heilen die zerrissenen Bandstrukturen nicht zusammen, bleibt die Kniescheibe instabil. In der Folge kann die Kniescheibe immer wieder auch bei alltäglichen Bewegungen, d.h. ohne Unfall, ausrenken (= chronisch - rezidivierende oder posttraumatische Patellaluxation).

 

Zudem entstehen beim Ausrenken der Kniescheibe häufig weitere Schäden an der Kniescheibe und dem Oberschenkelknochen. Insbesondere kann es zu erheblichen Knorpelschäden kommen, die letztendlich zu einem Gelenkverschleiß (Arthrose) führen können.

 

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1. Oberschenkelknochen

2. Gleitrinne der Kniescheibe (Trochlea)

3. ausgerenkte Kniescheibe

 

 

 

 

Grundsätzlich kann, bei entsprechender Veranlagung (siehe Risikofaktoren oben), auch die erste Kniescheibenverrenkung ohne ein echtes Unfallereignis erfolgen. Dies wird medizinisch als habituelle Patellaluxation bezeichnet. Hierbei besteht ein besonders hohes Risiko, dass die Kniescheibe dauerhaft instabil bleibt und immer wieder aus ihrer Gleitbahn springt.

 

Bei der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation  springt die Kniescheibe in fast allen Fällen nach außen aus der vorgesehenen Gleitbahn heraus. In den meisten Fällen schnappt die Kniescheibe bei einer  Streckung des  Kniegelenkes wieder in ihre Gleitbahn zurück (Selbstreposition).

 

Nach einer unfallbedingten Kniescheibenverrenkung entsteht meist relativ rasch eine schmerzhafte Schwellung des Kniegelenks (Gelenkerguss), weil es aufgrund der gerissenen Bänder in das Gelenk einblutet.

 

Diagnose der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation

Neben der klinische Untersuchung durch einen Kniespezialisten, der spezielle Test durchführt, sollten Röntgenaufnahmen sowie nach Möglichkeit eine Kernspin Untersuchung (MRT) vom Kniegelenk durchgeführt werden. Anhand der Kernspin Aufnahme kann neben der Beurteilung des Knochens das Ausmaß des entstandenen Schadens am Band- und Halteapparat sowie am Gelenkknorpel exakt beurteilt werden. Die genaue Beurteilung des Gelenkschadens ist für die bestmögliche Behandlung von größter Bedeutung.

 

Therapie der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation

Ziel jeder Therapie ist es die Kniescheibe dauerhaft im Gleitlager zu zentrieren, da mit jedem weiteren Luxationsereignis der Gelenkknorpel zunehmend geschädigt wird. Je häufiger es zu einer Kniescheibenluxation kommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer frühzeitigen Kniescheibenarthrose (Retropatellararthrose). Grundsätzlich wird bei den Therapien unterschieden zwischen konservativer Therapie  d.h. ohne Operation, und operativer Behandlung.

 

 

Konservative Behandlung

 

Eine konservative Therapie der Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation kann dann erwogen werden, wenn die Kernspin Untersuchung keinen wesentlichen Schaden am Knorpel sowie Band- und Halteapparat zeigt. In diesem Fall muss das Kniegelenk mit einer entsprechenden Bandage bzw. Schiene für ca. 6 Wochen ruhiggestellt werden. Zur raschen Rückbildung der Schwellung werden Kühlung, Salben und ggf. abschwellende Medikamente (Antiphlogistika: z.B.  Diclofenac, Ibuprofen) sowie Lymphdrainage empfohlen. Um einer zu starken Rückbildung der Muskulatur und einer Gelenkeinsteifung vorzubeugen, sollten zudem krankengymnastische Behandlungen erfolgen. Nach Abschluss des Heilungsprozesses wird ein Muskelaufbautraining und Koordinationstraining dringend empfohlen.

 

 

Operative Behandlung

Zeigt die Kernspin Untersuchung  einen größeren Knorpelschaden, eine  Knorpelabscherung (Flake) oder einen ausgeprägte Verletzung des Band- Halteapparates sollte eine operative Behandlung erwogen werden um den Schaden zu reparieren. Eine Operation wird auch empfohlen wenn die Kniescheibe mehrfach ausrenkt / luxiert (rezidivierende Patellaluxation; habituelle Patellaluxation). Welche Operation im individuellen Fall empfohlen wird hängt u.a. von folgenden Faktoren ab:

  • Instabilitätsgrad der Kniescheibe
  • Häufigkeit der Kniescheibenluxationen
  • Anatomische Voraussetzungen (Fehlanlage von Kniescheibe oder Gleitrinne, X- Bein, Verlauf der Kniescheibensehne)
  • Ausmaß der Verletzungen (Knorpel, Band- Halteapparat, MPFL)
  • Alter des Patienten

 

Zielsetzung der Operation ist, die ideale Anatomie wieder herzustellen, d.h. es muss der entstandene Knorpelschaden behandelt und der Kniescheibenverlauf korrigiert werden. Durch eine  Arthroskopie können entstandene Knorpelschäden optimal behandelt werden.

Die Reparatur bzw. eine  Korrektur des zerrissenen Band- Halteapparates (MPFL-Rekonstruktion) nimmt heute bei der operativen Behandlung der Kniescheibenluxation die wichtigste Rolle ein. Knöchernen Korrekturmaßnahmen werden nur bei extremer Abweichung von der normalen knöchernen Anatomie empfohlen. Sie sollten zudem  erst nach Abschluss des Wachstums durchgeführt werden.

MPFL - Rekonstruktion

Bei dieser Operationsmethode wird der verletzte Kniescheiben – Halteapparat rekonstruiert, in dem das gerissene dreieckförmige Band (Mediales Patello Femorales Ligament = MPFL), das zwischen der Innenseite der Kniescheibe und dem Oberschenkelknochen verläuft, durch eine Sehne ersetzt wird. Hierzu wird eine Sehne (Gacilisehne) über einen kleinen Schnitt auf der Innenseite des Unterschenkelknochens gewonnen und dann unter entsprechender Vorspannung am inneren Kniescheibenrand und dem Oberschenkelknochen verankert.

 

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MPFL Rekonstruktion nach Schöttle

(mit freundlicher Genehmigung Fa. Arthrex)

 

Diese OP-Methode kann mit einem sogenannten „lateralem release“ kombiniert werden. Hierbei werden gezielt Bandstrukturen auf der Außenseite der Kniescheibe durchtrennt, um die Tendenz der Kniescheibe zu verringern nach außen aus ihrer Führungsrinne zu springen.

Tuberositasversetzung (OP nach Elmslie-Trilat) 

Als knöcherne Korrekturmaßnahme kommt die Versetzung des Ansatzes der Kniescheibensehne in Frage. Hierbei wird der Ansatz der Kniescheibensehne (Patellasehne) am Schienbein (Tuberositas tibiae) nach innen (medial) versetzt. Durch die Versetzung läuft die Kniescheibe weiter innen in ihrer Gleitbahn wodurch das Ausrenken deutlich erschwert wird.

 

 

Trochleaplastik

Bei einer ausgeprägten Fehlanlage der Gleitrinne der Kniescheibe am Oberschenkelknochen (Trochledysplasie) kann die Tiefe der Rinne verbessert werden. Dies ist ein Eingriff, der nur in seltenen Ausnahmefällen erforderlich wird.

Nachbehandlung

Die Nachbehandlung muss der entsprechenden Operationsmethode angepasst werden. Neben einer anfänglichen Entlastung (Gehen an Unterarmgehstöcken für ca. 3 Wochen) und Schutz durch eine spezielle Schiene (für ca. 6 Wochen) ist wichtig, dass die Muskulatur des Oberschenkels optimal physiotherapeutisch nachbehandelt wird. Hierbei muss ein besonderes Augenmerk auf das Training der inneren vorderen Oberschenkelmuskulatur (Musculus vastus medialis) gelegt werden. Hierdurch kann der Kniescheibenverlauf ebenfalls günstig beeinflusst werden.

 

Prognose

Jede Kniescheibenluxation ist eine schwerwiegende Verletzung des Kniegelenks, die häufig mit Dauerschäden einhergeht. Auch bei idealer Behandlung einer Kniescheibenverrenkung / Kniescheibenluxation kann ein neuerliches Ausrenken der Kniescheibe (Re-Luxation) nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Zudem besteht  ein erhöhtes Risiko, dass sich langfristig ein Schaden der Knorpelgleitfläche von Kniescheibe und Oberschenkel (Retropatellararthose) entstehen kann. Nur durch eine optimale, individuelle Behandlung durch einen erfahren Kniespezialisten können diese grundsätzlichen Risiken minimiert werden, um eine dauerhafte schmerzfreie Funktion des Kniegelenkes zu gewährleisten.

 

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